Wie immens wichtig es ist, dass Kinder und Lehrkräfte Zeit für Bildung haben, gehört zu den tiefen Überzeugungen des BLLV. Und klar freut sich der BLLV da, wenn es Medien gibt, die sich viel Zeit nehmen, den BLLV und das, wofür er kämpft, kennenzulernen. So hat es die Zeitschrift MUH in ihrer aktuellen Ausgabe gemacht. Chefredakteur Josef Winkler beleuchtet im Gespräch mit BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann die Situation an den bayerischen Schulen, denen der Lehrermangel, die Folgen der Pandemie und des Ukrainekriegs schwer zu schaffen machen.
Mit freundlicher Genehmigung von MUH folgt jetzt das komplette Interview (>> hier PDF-Download) aus der aktuellen MUH-Ausgabe (No. 46, Herbst 2022)
„Wir werden das jetzt politisch heiß einpacken.“
Corona, der Ukrainekrieg und seine Folgen und der grassierende Lehrermangel: Drei Krisen sind es, sagt Simone Fleischmann, die den zu einem großten Teil an ihrer Leistungsgrenze arbeitenden Lehrkräften vor allem an den Grund- und Mittelschulen in Bayern zu schaffen machen. Auch im jetzt beginnenden Schuljahr 2022/23 wird da wenig Erleichterung spürbar werden, befürchtet die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes BLLV. Ein Gespräch zum Schulbeginn in schwierigen Zeiten, in denen zumindest eines tröstlich sicher scheint: Die Frau, die da für bessere Bedingungen an unseren Schulen kämpft, tut das unbeirrt und mit voller Leidenschaft.
Interview: Josef Winkler
Der Ausdruck ist durch seine inflationäre Verwendung stark verwässert, aber hier darf er mal mit gutem Gewissen Anwendung finden: Simone Fleischmann „brennt“ für ihre Sache. Ihre Sache, das sind zum Beispiel die Arbeitsbedingungen der Lehrerinnen und Lehrer, die ganzheitliche Bildung und eine gerechtere Verteilung der Bildungschancen für die Schülerinnen und Schüler in Bayern. Um all das steht’s, wie auch mit einigen anderen Dingen, nicht besonders gut im bayerischen Bildungs- und Schulsystems, und das treibt die Münchnerin, seit 2015 Präsidentin des BLLV, um – das merkt man etwa ihren nicht selten ziemlich „pointiert“ formulierten Pressemitteilungen an. Wortgewaltig und meinungsstark vertritt Simone Fleischmann die Interessen von Lehrkräften und Schüler/innen gleichermaßen, und man möchte kein schlecht vorbereiteter Bildungspolitiker bei einem Vier-Augen-Gespräch mit der resoluten Präsidentin sein – es könnte einem wohl passieren, dass man die Wadl viereg’richt bekommt, wie man so sagt. Ein besonderer Dorn im Auge sind der 52-Jährigen diejenigen Sonntagsredner/innen in der Politik, die die Situation an Bayerns Schulen immer noch gern schönfärben wollen, Motto: Die beste Bildung gibt’s in Bayern, schaun S’ doch mal in andere Bundesländer! Als gelernte Hauptschul-, heute Mittelschullehrerin kennt Simone Fleischmann den bayerischen Schulalltag auch abseits der gern idealisierten gymnasialen Laufbahn. In den 90ern und 2000ern arbeitete sie als Lehrkraft, später Konrektorin und Rektorin an Grund- und Mittelschulen – und nahm übrigens auch schon Ehrenämter im BLLV wahr, dem sie bereits im Studium beigetreten war. Schon damals zeichnete sich der eklatante Lehrermangel vor allem in diesen Schularten ab, der jetzt voll zum Tragen kommt. Nein, Simone Fleischmann hat keine Zeit für Schnullibulli. Das merkt übrigens auch der MUH-Reporter: Als der nach einem jovialen Gesprächseinstieg ihrerseits seinerseits grad noch zettelraschelnd etwas weiterplänkeln möchte, gibt die Frau am anderen Ende der Telefonleitung mit einem kurzen Umschlagen des Gesprächstons klar das Zeichen: Zur Sache, Schätzchen. Wir haben doch heut noch was anderes zu tun als hier zu plaudern. Na gut, dann los ...
MUH: Frau Fleischmann, in einem Interview vom Mai dieses Jahres werden sie in der Überschrift zitiert mit „Uns geht die Luft aus“, und Sie schildern als Hauptursache für die Notlage der Lehrer inBayern „den Strudel von 3 Krisen: der Ukraine-Krieg, die Corona-Folgen und der Lehrermangel.“ Dieses Interview hier wird zum Beginn des neuen Schuljahrs 2022/23 erscheinen. Was erwarten Sie für Mitte September? An dem Strudel wird sich nicht viel geändert haben?
Simone Fleischmann: Nein, da kann ich leider nicht viel Positives vermelden. Die Kolleginnen und Kollegen in den Schulen spüren den Druck dieser drei Krisen sehr stark – und sie meistern sie, das ist keine Frage. Keine Lehrerin sagt, „Ich nehm dieses ukrainische Kind nicht in die Klasse auf“, kein Schulleiter sagt „Wir haben hier Personalmangel, mir fehlen drei Kollegen, drum schick ich jetzt die Kinder nach Hause“.
Die Lehrer „funktionieren“.
Genau. Wir erleben vor Ort, dass es eng ist, dass im Grund- und Förderschulbereich und vor allem an den Mittelschulen ein eklatanter Lehrermangel herrscht – und wir nehmen unsere Herausforderungen an. Die Lehrerinnen und Lehrer geben ihr Bestes, um die Situation zu bewältigen, und sie wuppen das – aber die Frage ist, wie lange die bestehende Frau- und Mannschaft das noch durchhält. Wie zum Beispiel soll eine Schulleitung dieses neue Schuljahr planen, wenn selbst die Staatsregierung sagt „Wir fahren auf Sicht“?
Das ist also jetzt schon schwierig mit der ganz normalen logistischen Planung des nächsten Jahres?
Normalerweise sind wir Anfang Mai mit der Klassenbildung und der Konzeption des neuen Schuljahres fertig. Jetzt ist Anfang Juli, und es ist noch gar nix fertig. Es gibt sehr viele volatile Variablen, die es uns so schwer machen wie noch nie. Ich war ja selber 15 Jahre Schulleiterin und konnte immer recht verlässlich planen. Da war vielleicht um diese Zeit mal noch nicht klar, ob es klappt mit einem Basketball-Wahlkurs. Aber der Rest war in trockenen Tüchern. Was wir aktuell erleben, ist ganz am anderen Ende der Skala.
Totale Planungsunsicherheit quasi.
Wir beschäftigen uns mit einem minimalen Konzept als quasi grobe Leitplanken für September. Darüber hinaus gibt es fast nur Unsicherheiten.
Haben Sie ein paar Beispiele?
Wir wissen zum Beispiel nicht, wie viele Kinder und welche Kinder im Herbst an welchen Schulen als Geflüchtete aus der Ukraine zu den Klassen stoßen werden.
Wie viele sind es momentan?
Momentan spricht man von 30.000 hier in Bayern, zum Schuljahresende wohl 35.000. Am Schuljahresanfang im September könnten es 45.000 sein. Der Minister (Kultusminister Michael Piazolo, Freie Wähler; Anm.) spricht jetzt davon, zusätzliche 1.600 Vollzeit-Lehrerstellen schaffen zu wollen. Die Formel ist klar: Mehr Kinder heißt, man braucht mehr Lehrer. Die Crux ist nur, dass diese 1.600 Stellen – und insgesamt wären es wohl 2.200, die man ab September allein für die Integration der ukrainischen Kinder bräuchte – nicht mit spezifisch ausgebildeten Lehrkräften besetzt werden können.
Weil keine „auf dem Markt“ sind.
Ja, genau. Lehrer wachsen ja nicht auf Bäumen, sodass man sie nur pflücken müsste. Wenn der Kultusminister die Schaffung von 1.600 Stellen ankündigt, dann spricht er von dem Geld, das er dafür aufzuwenden bereit ist. Geld hält aber keinen Unterricht. Sondern damit werden Menschen bezahlt. Und das sind jetzt im Grund-, Mittel- und Förderschulbereich immer öfter keine ausgebildeten Lehrerinnen oder Lehrer, weil wir davon schlicht keine mehr haben, sondern halt im Zweifel Leute aus anderen Berufszweigen.
Die „Quereinsteiger“. Mir war gar nicht klar, dass es die in Bayern auch schon in so großer Zahl gibt. Aus welchen Bereichen kommen die?
Wir haben momentan 17 verschiedene Berufsgruppen im bayerischen Schulsystem. Und um mal an einem Extrembeispiel zu zeigen, wohin wir uns da bewegen: In Berlin sind aktuell 70 Prozent der Leute, die an Grundschulen unterrichten, keine ausgebildeten Grundschullehrkräfte.
70!?
70 Prozent. Das sind dann gün-stigstenfalls Lehrkräfte von einer anderen Schulart, die mit ihrer Fächerkombination momentan sonst nicht unterkommen. Aber auch so jemand „vom Fach“ ist nicht der Mittelschullehrer mit der pädagogischen Expertise oder die Grundschullehrerin mit diversen Zusatzausbildungen – es ist einfach nicht der Profi für den Einsatz, für den wir ihn brauchen.
Sondern beispielsweise ein Spezialist vom Gymnasium.
Ja. Aber er ist Lehrer und von daher besser als die Wurstverkäuferin. Die haben wir nämlich auch im bayerischen Schulsystem.
Ach. Die Wurstverkäuferin auch.
Ja. Das sind halt Leute, die Zeitressourcen haben und helfen und sich auch was dazuverdienen wollen und die jetzt unterstützend an der Schule mitarbeiten. Die hat dann natürlich keine eigene Klasse und macht Mathe, Deutsch und Englisch, sondern arbeitet halt zum Beispiel an der Ganztagsschule ein paar Stunden in der Hausaufgabenbetreuung mit.