Sich auszuruhen ist keine kriminelle Handlung

Ruhe bewahren ist für viele Studierende nicht einfach. Das Studium ist häufig zu stressig.

 

Der Psychologe Wilfried Schumann, Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle von Universität und Studentenwerk Oldenburg, über Stress, Zukunftsangst und den Säbelzahntiger im Studenten.

Viele Studierende klagen über Stress. Was ist das eigentlich genau?

Biologisch gesehen ist Stress die Reaktion des Körpers auf eine lebensgefährliche Situation. Ein Programm, das automatisch abläuft: Man spannt die Muskeln an, Herzschlag und Atmung werden schneller, die Nebenniere schüttet Adrenalin aus. Der Kopf konzentriert sich auf die entscheidende Frage, wie man aus dieser Situation am besten wieder rauskommt. Angreifen, wegrennen oder tot stellen?

Das hilft im Uni-Alltag wenig.

Dummerweise laufen wir mit einem biologischen Programm herum, das auf die Probleme von  Steinzeitmenschen zugeschnitten ist. Steht man vor einem Säbelzahntiger, ist dieser Mechanismus sehr hilfreich. Dass der Körper auch reagiert, als ginge es um Leben und Tod, wenn man in den Terminkalender schaut, ist tatsächlich eher hinderlich. Wer gestresst ist, kann nicht kreativ denken.

Was löst diesen Überlebensmechanismus bei Studierenden aus?

Vordergründig ist es das große Arbeitspensum: der Abgabetermin der Hausarbeit, das nächste Referat, die ständigen Leistungsnachweise.

Und was steckt dahinter?

Meistens die Angst zu versagen. Etwa bei einer Prüfung durchzufallen, das Studium nicht schnell oder gut genug zu schaffen und deshalb später keinen Job zu finden. Das heißt, im schlimmsten Fall aus der sozialen Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden, weil man nicht richtig funktioniert. Dieser Gedanke ist für viele so bedrohlich wie ein Säbelzahntiger.

Woher kommt diese Angst?

Mit der Umstellung auf Bachelor und Master ist der Druck enorm gestiegen. Von Anfang an zählt jede Note, vor dem Masterstudium wird oft noch einmal aussortiert. Dazu kommt dieses Elitedenken, dass sich nur die Besten durchsetzen werden. Das gab es früher nicht.

Sind diese Bedenken berechtigt?

Nein. Allein schon wegen der demografischen Entwicklung werden Akademiker spätestens in zehn Jahren dringend gebraucht werden. Ob man genau in dem Job arbeiten wird, den man jetzt anstrebt, ist eine andere Frage. Gerade bei den Lehrern schwanken die Prognosen sehr stark. Doch selbst wenn man später keine Stelle an einer Schule bekommt – die Chance, dass man mit einem abgeschlossenen Studium arbeitslos wird, ist sehr gering.

Haben sich durch diesen erhöhten Druck auch die Studenten verändert?

Ja, sie kommen schon mit einer viel größeren Leistungsbereitschaft an die Uni als noch vor zehn Jahren. Und zeigen dann ein größeres Konkurrenzdenken. Viele lehnen Gruppenarbeit inzwischen ab und schlagen sich lieber alleine durch. Das ist schade. Die Uni ist viel mehr als ein Ort, an dem man so schnell wie möglich Punkte sammeln muss.

Es heißt, Stress macht krank. Stimmt das?

Wenn man ab und zu einen stressigen Tag hat, ist das nicht schlimm. Gefährlich wird es, wenn man ständig unter Druck steht und sich nicht mehr entspannen kann. Das kann zu Magengeschwüren, Hörstürzen bis hin zum Herzinfarkt führen. Ein erstes Warnzeichen ist Tinnitus. Der kommt bei Studenten immer häufiger vor.

Sie bieten an der Uni Oldenburg Kurse für gestresste Studenten an. Was raten Sie denen?

Ich empfehle zwei Dinge. Erstens das Tempo zu reduzieren: Mehr Pausen einlegen, Sport treiben, Freunde treffen. Kein Mensch kann vernünftig arbeiten, wenn er sich nicht zwischendurch ausruht. Sich Freizeit zu nehmen und zu genießen ist keine kriminelle Handlung, sondern eine Voraussetzung für gute Leistungen.

Und zweitens?

Wer sich dauerhaft gestresst und überfordert fühlt, sollte sich seine Ziele genau anschauen und eventuell zurechtstutzen. Das geht nur, wenn man sich ehrlich fragt: Wo stehe ich, was sind meine Stärken, womit komme ich nicht zurecht? Man sollte nicht zögern, sich dafür Hilfe zu holen, etwa bei der psychologischen Beratungsstelle der Uni. Meiner Erfahrung nach überfordern sich viele Studenten mit ihren Erwartungen. Neben dem Druck von außen ist das der größte Stressfaktor.

Das klingt, als solle man sich eine Niederlage eingestehen.

Das mag sich anfangs so anfühlen, zum Beispiel wenn man sich vorgenommen hat, das Studium in kürzester Zeit durchzuziehen und dann merkt, dass man das nicht schafft. Doch langfristig ist es eine große Stärke, wenn man die Mechanismen kennt, die einen unter Druck setzen – und auch damit umgehen kann. Schließlich hört der Stress nach der Uni nicht auf.

Vor allem nicht, wenn man Lehrer wird.

Jeder akademische Beruf birgt die Möglichkeit, dass man sich auf Dauer überfordert, aber Lehrer sind davon besonders stark betroffen. In keiner anderen Berufsgruppe scheiden so viele Menschen vorzeitig aus dem Arbeitsleben aus.

Warum? Sind Lehrer besonders stressanfällig?

Im Lehrerberuf gibt es eine besonders große Lücke zwischen dem, was erwartet wird und dem, was man wirklich leisten kann. Gerade Menschen, die mit großem Idealismus an die Sache herangehen, werden schnell merken, dass sie das nicht auf Dauer durchhalten. Ein Lehrer kann nicht immer allen gerecht werden. Das frustriert.

Sind es vor allem die eigenen Erwartungen, die Lehrer unter Druck setzen?

Nein, auch von außen wird viel gefordert: Die Schulleitung will einen ordentlichen Notendurchschnitt und keinen Ärger mit den Eltern. Diese erwarten, dass Lehrer das richten, was sie selbst vielleicht versäumt haben. Und Schüler verlangen, dass ihr Lehrer ständig präsent ist, sonst tanzen sie ihm auf der Nase herum. Dafür ist aber die gesellschaftliche Anerkennung dann nicht besonders hoch. Wer nicht gelernt hat, damit umzugehen, kann an diesem Widerspruch zerbrechen.

Du fühlst Dich gestresst und überfordert? Die psychologische Beratungsstelle des Studentenwerks an Deiner Uni kann Dir helfen.