"Bleib im Hochstatus!"

Die Theater- und Filmschauspielerin Katja Lechthaler, Jahrgang 1971, hat Germanistik, Theaterwissenschaft, Pädagogik (LMU München) und Schauspiel (Rom) studiert und den Magister in Spiel- und Theaterpädagogik. Sie gibt seit vielen Jahren Lehrerfortbildungen.
Näheres zur Person unter www.katjalechthaler.de

Ein Theaterabend ist ja so eine Art Frontalunterricht: Da werden auswendig gelernte Texte einem Publikum vorgespielt, das stundenlang stumm in den Reihen sitzt - und dafür auch noch zahlt. Können Lehrkräfte von Schauspielern lernen?
Oh doch, Lehrer können sehr viel von uns lernen. Sie kommen ja bei den Schülern nicht nur wegen der fachlichen Kompetenz an und bringen sie dazu, zu lernen. Ein großer Teil der Wirkung basiert auf Körpersprache. Dazu gehört auch die Frage, wie ich Begeisterung oder Emotion zeige. Genau das ist aber in der Lehrerausbildung ein großes Tabu.

Humor spielt in einer Schulwelt, in der permanent benotet und ausgesiebt wird, auch nicht gerade die Hauptrolle.
Klar, die Angst, das Gesicht zu verlieren, erzeugt einen wahnsinnigen Stress. Gerade jungen Lehrkräften ist die Vorstellung ein Horror, unvorbereitet zu sein. Unter Humor verstehe ich daher auch gar nicht, immer einen guten Witz parat zu haben, sondern eine spielerische Grundhaltung zu haben, offen zu sein, Emotionen zeigen zu können. Aus einer solchen Haltung heraus kann man schwierigen Situationen eine Leichtigkeit geben.

Und wie kommt an zu so einer Grundhaltung?
Ich arbeite mit den Lehrkräften daran, Vertrauen zu entwickeln, dass auch von allein etwas ansteht, aus der Leere heraus. Ein Beispiel: Bei einem Theaterprojekt hat mir mal ein Junge ins Gesicht gesagt: "Der Text hier geht mir total auf die Eier!" Ich hätte beschämt sein können oder wütend. Stattdessen habe ich mir Zeit genommen und dann nachdenklich aber nicht feixend seine Wort wiederholt: Auweia, habe ich gesagt, das is ja ernst, wenn dir das total auf die Eier geht. Die Sache lief gut weiter. Grundlage der Übungen in meinen Trainings mit Lehrern ist der Appell: "Sei mittelmäßig!" Will heißen: Hör auf, es besonders gut machen zu wollen, denn genau dieser Druck verhindert, dass es gut wird! Ich stelle zum Beispiel die Aufgabe, einen Vortrag voll von Fehlern zu halten, sich zu versprechen, den Zettel herunterfallen zu lassen.

In einem Seminar mag das ja lustig sein. Aber im Unterricht? Wie wird man da fertig mit Pannen?
Indem man sich bewusst wird, an welchem Punkt man verkrampft. Deshalb arbeiten wir zunächst an der Selbstwahrnehmung. Da wird der Kiefer fest, der Atem ist flach.

Und wie lassen sich solche Stressreaktionen vermeiden?
Der Fehler ist, sie vermeiden zu wollen. Man sollte die Situation annehmen. Und sich sagen: "Ah ja. Jetzt komme ich in Stress." Und statt einzufrieren, wie es bei Stress üblich ist, bewusst in die Bewegung gehen. Vor allem: sich Zeit nehmen! Zur Not sage ich auch: "Jetzt wäre ein cooler Spruch gut - aber leider fällt mir keiner ein." Das ist immer noch besser als betreten zu schweigen und sich auch noch zu schämen.

Sie waren sicher auch schon mal auf der Bühne im Stress.
Klar. In einer Liebesszene zum Beispiel sollte es gerade zum Kuss kommen, als im Publikum ein Handy losbimmelte. Da habe ich meinen Partner verträumt angeschaut und gesagt: "Liebster, ich höre schon die Glocken läuten." Das war der Brüller.

Nicht jede Lehrkraft ist eine "Rampensau"
Ist auch nicht nötig. Es kommt darauf an zu erkennen, welcher Typ man ist. Der eine kann schlagfertige Sprüche loslassen, der andere ist zurückhaltender, verschickt vielleicht nur einen coolen Blick und macht unberührt weiter. So oder so: In Stresssituationen sollte man locker und souverän bleiben - also im Hochstatus. Ein typischer Hochstatus-Schauspieler ist George Clooney, das Gegenteil, der Tiefstatus-Typ, wäre Woody Allen. Man muss kein Clooney werden, aber: Im Hochstatus bleiben, das kann man lernen.

 

Das Interview führte Chris Bleher