Therapie vor Verbeamtung: Hilfe suchen oder lieber nicht?

Ich mache keine Therapie, obwohl ich sie nötig hätte. Wieso? Weil ich um meine Verbeamtung fürchte!

Immer wieder höre ich Geschichten, in denen angehende Lehrkräfte nicht verbeamtet wurden, weil sie sich an einem Punkt in ihrem Leben professionelle Hilfe suchten. Wie viele meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen, fürchte auch ich dieses Risiko. 

Laut dem Bayerischen Beamtengesetz findet im Lehrberuf eine „Bestenauslese“ statt, welche die „Befähigung und fachliche Leistung“ sicherstellen soll. Da frage ich mich: wie soll denn eine Lehrkraft fachliche Höchstleistung erbringen, wenn sie sich keine Hilfe holen darf, falls privat mal nicht alles rund läuft!? Mentale Schwächen sind doch menschlich.

Lehrkräfte sind auch nur Menschen.

Leider wird das oft vergessen. Menschen funktionieren nicht wie Maschinen - und selbst Maschinen werden geölt, wenn sie mal nicht richtig laufen. Bei Lehrkräften verleiten starre gesetzliche Prinzipien dazu, dass einige von ihnen trotz fachlicher Kompetenzen nicht als gesunde und stabile Persönlichkeit vor der Klasse stehen können. Der Staat rechtfertigt seine „Auslese“ damit, dass es Geld kostet, sollte eine verbeamtete Lehrkraft länger ausfallen. Aber wägen wir doch mal die Begrifflichkeiten „Vorsorge“ und „Nachsorge“ ab. Würde uns Studierenden nicht immer die Angst im Nacken sitzen und uns stattdessen Mut gemacht werden, uns unseren Problemen zu stellen, indem wir uns Hilfe holen, würden wir doch viel gefestigter und selbstbewusster ins Referendariat starten.

Stattdessen sehen wir uns gezwungen, unsere Probleme und Sorgen während der Ausbildung wie eine Fußfessel mitzuziehen. Die Folge: Spätestens nach der erlösenden Verbeamtung lassen die Kräfte nach, der Staat muss für eine Burn-out Behandlung aufkommen und die Schule einen monatelangen Ausfall kompensieren. Das macht in meinen Augen wenig Sinn!

Der Gedanke an den Amtsarztbesuch sorgt für Bluthochdruck.

Dabei ist es äußerst unverständlich, dass ein Arzt nach einer einmaligen Begutachtung über unseren Gesundheitszustand urteilen darf. Deswegen haben wir davor auch so große Angst. Eine ganzheitliche Sicht auf uns als Menschen wäre doch viel besser.

Depressionen wie Angststörungen nehmen bei 18-25 jährigen stetig zu.

Laut dem Barmer-Arztreport 2018 ist ihr Anteil von 2005 bis 2016 um 38 Prozent gestiegen. Gründe sind unter anderem Leistungsdruck und Zukunftsängste. Erneut stellt sich mir eine Frage: Inwiefern trägt der Staat zu dieser Entwicklung bei? Um diese Frage zu beantworten reicht ein Blick auf das starrsinnige und längst überholte System der Lehrerbildung: Allein die intransparente Handhabung des Staatsexamens, dessen Bewertung reine Willkür zugrunde liegt, setzt uns zukünftige Lehrkräfte unter enormen psychischen Druck.

Nach dem Abschluss gehen die Sorgen weiter

Wir fürchten um unsere berufliche Zukunft. Durch das unflexible Studium können wir nicht spontan auf den zirkulierenden Lehrerbedarf der  verschiedenen Schularten reagieren. Dazu kommen ungleiche Besoldung, fehlende gesellschaftliche und politische Anerkennung. All diese Umstände bekräftigen Angst, Druck und Stress.

Meiner Meinung nach sollten Studierende, Referendar*innen und Lehrkräfte Anerkennung erfahren, wenn sie sich selbst eingestehen, dass sie an einem Punkt angekommen sind, an dem sie Hilfe brauchen. Erstens um stark und gesund zu werden und die Lehrkraft sein zu können, die sie gerne sein möchten. Zweitens damit sie den Schülerinnen und Schülern ein Vorbild sein können, denen sie selbst raten, sich bei Bedarf Hilfe zu holen.

Letztendlich sind es doch die Schülerinnen und Schüler, die unter den unbehandelten psychisch kranken und mental instabilen Lehrkräften leiden.

Daher sollte der Staat seine Angestellten dabei unterstützen, mental fit zu bleiben. Ich jedenfalls empfinde es als verantwortungslos und fahrlässig, dass es einem Staat lieber ist, die Generation von morgen mit Burnout geplagten Lehrkräften zu konfrontieren, als mit psychisch gestärkten und erholten Lehrkräften.

Die/der Autorin/Autor ist Mitglied bei den Studierenden im BLLV und möchte anonym bleiben.